The Beast (2018)
                                           



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Nachbarschaften

Die Installation gliedert sich allgemein gesprochen in zwei Teile: eine große Bildfläche, die von einem Beamer projiziert wird und eine kleinere, die von einem digitalen Bildschirm aufscheint. Beide Flächen verorten sich so in einem quadratischen Raum, dass sie einander zwar gegenüberliegen, aber asymmetrisch versetzt sind, so dass sie eine Diagonale ziehen. Auf dem Bildschirm, der kleineren Fläche von beiden, fällt eine dunkel gekleidete stehende Person auf, die innerhalb einer Geste den Blick senkt und hinter der linken Hand im Verborgenen hält. Von oder hinter ihrem Rücken entspringt ein rätselhaft leuchtender Nebel, der das Zentrum des Bildes einnimmt und sich von dort diffus im Raum verteilt. (…)

In der Tat, so lässt uns der Künstler wissen, handelt es sich um eine stillgestellte Aufnahme der Überwachungskamera des am Pariser Boulevard Voltaire gelegenen Cafés Comptoir Voltaire am 13. November 2015 gegen 21:40 Uhr. An diesem Abend ereigneten sich in Paris eine Reihe von koordinierten Terroranschlägen der terroristischen Vereinigung ‚Islamischer Staat‘, in welche das Videostill situativ eingereiht werden kann. Es zeigt denjenigen Augenblick, in dem die Sprengstoffweste des Selbstmordattentäters Brahim Abdeslam, die mit verschiedenen Metallteilen gefüllt war, im Café Comptoir Voltaire detonierte. (…)

Auf der großen projizierten Bildfläche läuft ein Video, das aus verschiedenen aneinandergeschnittenen Sequenzen besteht. Wir verfolgen schleppende Nahaufnahmen, in welchen sich ein organisch-geformtes Objekt zuerst von außen ins Bild schiebt, dann zunehmend zentral erscheint und sich nach und nach als eine nackte menschliche Skulptur aus Stein offenbart. Wobei die Steinstatue, die an sich selbst statisch und unbewegt ist, in den langsamen Kamerafahrten gespenstisch lebendige Züge erhält. (…) Zu den visuellen Bildern hören wir bedrohlich langgezogene, tiefe und krachende Geräusche, die den Eindruck erwecken, als ob sie aus einer Ferne als Echo hallen würden. Bedeutend scheint, dass die aneinandergereihten Sequenzen eine Metamorphose vollziehen, innerhalb der sich die Lichtsituation von Aufnahme zu Aufnahme zunehmend verdunkelt, bis zu jener Schwelle der Abenddämmerung, an welcher die Skulptur, die wir an dieser Stelle in einer Totalen sehen, in volle Dunkelheit eingehüllt gerade noch vom Hintergrund unterscheidbar bleibt. (…)

Links gerade noch im Bild steht regungslos ein Mann, der in seiner linken Hand Plastiktüten hält, während er mit seiner rechten das Gesicht gekünstelt verdeckt. Nach kurzem Standbild schwenkt die Kamera schleichend nach oben. Spannungsvoll wird die gesamte Gesichtspartie der Statue, die bisher entweder nicht zu sehen war oder im Dunkeln lag, langsam sichtbar. Diese formt sich schließlich in derselben Geste, innerhalb welcher das Gesicht verborgen in die rechte Hand fällt, die der Mann neben ihr vollzieht. Lutz informiert uns, dass es sich um eine Geste Kains nach dem Mord an seinem Bruder Abel handelt, wie der Bildhauer Henri Vidal in der uns vorliegenden Skulptur Cain venant de tuer son frère Abel (1896) interpretiert.


– Marian Rupp in Dawn of Europe, 2019